#netzpolitikhd die Auftaktveranstaltung mit Markus Beckedahl

Die Universität Heidelberg veranstaltet gerade die Ringvorlesung:

WER REGIERT DAS INTERNET? REGULIERUNGSSTRUKTUREN UND -PROZESSE IM VIRTUELLEN RAUM

Ich habe die Auftaktveranstaltung am 30.10. besucht. Eingeladen wurde Markus Beckedahl, Betreiber von netzpolitik.org der einen Vortrag unter dem Titel Die digitale Gesellschaft – Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage hielt. Es wird eine Aufzeichnung auf der Website der Veranstaltung veröffentlicht werden. Die folgenden Schilderungen basieren auf meinen Notizen und Erinnerungen, die genauen Formulierungen werde ich mir in der Aufzeichnung heraussuchen und den Text entsprechend anpassen.

Die sich anschließende Diskussion wurde nicht mit aufgezeichnet.
Zunächst gab es eine gute 20 Minuten lang Vorreden von Seiten der Universität.

Die digitale Gesellschaft – Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage“ – ein Vortrag in 4 Teilen

Ein gut gelaunt wirkender Herr Beckedahl begann mit Hilfe von einer Beamer-Präsentation zu erzählen. Ich habe schon einige Interviews mit dem Vortragenden gesehen und hatte deshalb eine eher schlechte Vormeinung von ihm. Ich empfand seine verbalen Beiträge als rhetorisch schwach bis mittelmäßig vorgetragen, seine Gedanken unpointiert und wenig originell. Das sollte wahrscheinlich beim lesen der folgenden Schilderungen berücksichtigt werden.

Der Vortrag war in Vier Teile geteilt denen Herr Beckedahl jedoch keine Namen gab.

(I) Überwachung

Der erste Teil des Vortrags widmete sich der Überwachung. Außer, dass die dogmatische Lobpreisung St. Snowdens neben den Engelsdarstellungen an den Wänden der alten Aula besonders gut zur Geltung kam, waren dort keine Überraschungen für mich. Die Beispiele waren passend und haben die Situation recht gut zusammen gefasst.

(II) Internet

Teil #2 widmete sich der Geschichte des Internets. Bzw. Was ist Internet? Wie es der Zufall so wollte hatte ich just am selben Tag vormittags ebenfalls einen Vortrag über die Geschichte des Internets gehalten. In meinem Vortrag setzte ich unter anderem ein Video ein , dass er auch in seinem Blog verlinkt hatte und deshalb wohl kennt. Der Vortrag widersprach jedoch in weitem Zügen dem Video. Beckedahl behauptete, dass das Netz „frei und dezentral erfunden wurde“ während das Video zeigt, dass das Internet nicht als Ganzes erfunden wurde sondern eine verteilte mehrschrittigen Entwicklung war und zunächst mal eine Mainframe-Client Struktur aufwies. Das fand ich dann doch sehr irritierend. Jetzt wo die mp3 Aufzeichnung online ist, konnte ich den Namen auf den er sich bezog auch verstehen: David Reed, einer der Menschen die das TCP/IP Protokoll entwickelten. Tatsächlich hat er Recht, dass die Designentscheidung weitreichende folgen hatte. Diese Entscheidung mit dem Impetus aufzuladen, dass hier bewusst jeder Dienst und jede Hardware am Netzwerk teilhaben können soll, finde ich etwas steil. Zumindest konnte ich in dem Paper über End-to-End von David Reed keine Argumente in der Richtung finden.  Eine Netzrecherche ergab meinerseits nur einen Blogpost, der Reed unterstellt für Netzneutralität zu sein. Aussagen von Reed selbst konnte ich dazu nicht finden.

Man entschied sich eine sehr schlaue Richtung, nämlich das Ende zu Ende Prinzip ein zu führen. Nämlich das wir an den Enden des Internets das Recht haben söllten  jede Hardware zu Nutzen, jede Software zu nutzen, jedes Protokoll zu nutzen, jeden Dienst zu nutzen, mit den anderen Menschen an den Anderen Geräten kommunizieren zu können,ohne das jemand in der Mitte sagt, das geht, das geht nicht, das geht schneller, das geht langsamer, oder hier nehmen wir mal Mautgebühren

-Markus Beckedahl (ab Minute32 Sekunde 56 in der mp3)

Zu diesem Zeitpunkt eine bewusste Entscheidung zu Behaupten ist einfach Unsinn. Es ist richtig, dass diese Designentscheidung am Ende diese Folgen hatte, aber es ist auch genauso richtig, dass schon im Arparnet Priorisierung statt fand. Die technische Möglichkeit verschiedenen Geräte ein zu setzen war hier nicht als Konsumentenrecht gedacht, sondern wurde getroffen um das Forschungsnetzwerk weiter ausbauen zu können. Als Tcp/Ip aufkam war von einem Internet wie wir es heute können überhaupt nicht zu reden.

(III) Meine erste Urheberrechtsverletzung – oder?

Abschnitt Drei könnte Urheberrecht überschrieben sein .
Beckedahl erzählte davon, dass seine erste Urheberrechtsverletzung wohl in der Schule war als er Kollagen erstellte und diese im Klassenzimmer anbrachte. Weil das ja ein illegaler Remix und öffentliche Aufführung ist. Es bleibt unklar ob sich der Referent dort mental in einem Fahrstuhl befand, zumindest liegt er hier gleich auf zwei Ebenen falsch.
Ersteinmal sind Fotokollagen auch in Deutschland in aller Regel legal . Das Anbringen im Klassenzimmer stellt keine Öffentliche Aufführung dar und selbst wenn, gelten für Schulen und öffentliche Bildungseinrichtungen Sonderregeln.

Sogar Gema, die ja sonst als der Copyright-Beelzebub gilt, macht beim Schulfest die Hand nicht auf solang es keinen Eintritt kostet.

Am Beispiel des viralen Musikvideos Gangnam Style sollte nun verdeutlicht werden, dass die Musiklabels gelernt habe virales Marketing zu schätzen. Dumm nur, dass Psy erst durch den viralen Erfolg bei einem internationalen Label unterschrieb und vorher nur bei einem kleinen asiatischen Label unterwegs war. Das die Remixe nicht weg-geklagt wurden lag also nicht daran, dass Universal etwas gelernt hat sondern daran, dass sie zunächst einmal erst nach dem viralen Erfolg die Rechte hatten. Ein passendes Beispiel wäre „Call me Maybe“ gewesen.

(IV) Gesellschaft – oder so

Der Rest des Vortrags war dann für mich von unvorteilhaften Vereinfachungen, schlechten Metaphern und plumper Politikerschelte geprägt.

Fragerunde

Neben der Tatsache, dass alle Folien des, sich selbst als Journalisten bezeichnenden, Referenten aus zusammen geklauten Bildern bestanden (Quellenangaben fehlten vollständig) empfand ich es als Negativhöhepunkt wie Beckedahl auf die Frage nach der Strafverfolgung von krimminellen Tor-Usern reagierte. Meiner Meinung nach eine Standardsituation eines jeden Netzaktivisten. Die Erklärung, dass ja zum Beispiel in China das Rechtsverständnis ein Anderes ist (Was wir Regierungskritiker nennen sind dort Verbrecher) war so schwach vorgetragen, sodass sogar eine Person aus dem Publikum (nicht ich) seine Wortmeldung nutze um nochmals bessere Argumente zu nennen warum Anonymität im Netz nicht zu einem rechtsfreien Raum führt. Dieses Meme ist so alt, dass es sogar in den FAQ der Cypherpunks als einer der Reiter der Infokalypse aufgezählt wird. In den FAQ des Tor-Projektes  findet sich eine gute Antwort auf die Frage.

Warum bin ich so gemein?

Wer sich gut bezahlt als Experte in eine Uni einladen lässt sollte wenigstens einen sachlich richtigen Vortrag abliefern. Das Markus Beckedahl kein guter Redner ist und aus ihm auch kein Pädagoge wird, ist in Ordnung. Aber es wurmt mich wenn sojemand das ganze Feld Netzpolitik vertritt. Ich unterstelle ihm ja garnicht, dass er bewusst scharf an der Grenze zur sachlichen Falschheit die Fakten interpertiert, wie sie in seine Agenda passen. Das darf und muss man als Aktivist. Mein Problem ist, dass er es wohl unbewusst tut und diese Grenze auch überschreitet. Ich male mir aus wie er mit der selben schwachen Argumentationslinie meine Standpunkte gegenüber Entscheidungsträgern vertritt. Bei dem Gedanken wird mir mulmig.
Den Blog netzpolitik.org lese ich selten, deshalb traue ich mir kein Urteil über den Journalisten Beckedahl zu. Seine Arbeit bei der digitalen Gesellschaft mag ich genausowenig beurteilen. Als Redner jedoch enttäuscht mich Beckedahl genauso wie als Diskutant.

Als Frauen die Informatik an den Nagel hingen

Der amerikanische Radiosender NPR hat ein interessantes Feature/Podcast produziert: When Women Stopped Coding

Der Aufhänger ist eine Statistik die zeigt, dass 1984 die Anzahl der weiblichen  Informatikstudierende zusammengebrochen ist. Der Podcast geht auch ein wenig auf die weiblichen Pioniere in der Informatik ein, die vor 1984 viele entscheidende Beiträge lieferten.

Portrait of Grace Hopper in military uniform
„amazing“ Grace Hopper , hat den ersten Compiler entwickelt

 

Ein Kommentar unter dem Podcast ist mir ins Auge gestochen:

Women are a little more than half the population of the United States, and about half the population of the world. When they are prevented from reaching their full potential, we all lose. The nations that will win out the 21st century, will be the nations that makes the most of all its citizens. Rich, poor, gay, man, women, etc. Let us stop writing off this issue and feeling threatened as men by intelligent women. We will need them if we’re going to succeed going forward.
Benjamin Brown

Der Podcast ist auf jeden Fall hörenswert. Sollte die Datei nicht mehr verfügbar sein. Meldet euch bei mir. Ich finde bestimmt eine Lösung 😉